Von den Anfängen bis zum Jahre 1945

Aus: Chronik zum 125-jährigen Bestehen v. 1986

1861, das Gründungsjahr des Wipperfürther Turnvereins, des ältesten Sportvereins im Rhein. Berg. Kreis, fällt in eine Zeit, in der das turnerische Leben in Deutschland einen ganz besonderen Aufschwung nahm. In den Jahren nach 1810 hatte man zwar schon als Folge des Wirkens von Friedrich Ludwig Jahn auf Betreiben der staatlichen Stellen in den Hauptstädten der preußischen Regierungsbezirke Turnlehrer angestellt. In Düsseldorf (1815), in Köln und Koblenz (1817) waren die ersten „Turnplätze“ eingerichtet worden. Der Anreger hierfür war der Oberpräsident der Rheinprovinz Graf Soims-Laubach gewesen. Aber schon 1818 auf dem Aachener Kongress hatte der damalige österreichische Staatskanzler Fürst Metternich versucht, die preußische Regierung zu veranlassen, die Turnvereine zu unterdrücken. Burschenschaftler und Turner sah man in dieser Zeit wegen ihres freiheitlichen Geistes mit misstrauischen Augen an und machte ihnen Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Erst ab 1840 unter König Friedrich Wilhelm IV. (1840-1861) besserten sich die turnerischen Verhältnisse in preußischen Landen. Eine „allerhöchste Kabinettsorder“ bezeichnet das Turnen als einen unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung. Ein ministerieller Erlass empfiehlt den höheren Schulen die Einführung von Leibesübungen. Überall entstanden nun sogenannte Turngemeinden, deren besonderes Anliegen es war, durch Werbung weitere Gemeinschaften entstehen zu lassen. Wie schnell die Entwicklung damals vor sich ging, zeigen folgende Zahlen: In ganz Deutschland gab es bis 1850 97 Turnvereine, bis 1860 stieg ihre Zahl auf 131, und im Jahre 1863 zählte man ihrer 1259 und in Österreich 25.

In diese Zeit des turnerischen Frühlings fällt nun auch die Geburtsstunde des Wipperfürther Turnvereins. Der Wipperfürther Turnverein ist der älteste Sportverein des Rhein. Berg. Kreises. Im bergischen Turngau jedoch zählt er nicht zu den ersten Vereinen. Vor seiner Gründung gab es hier bereits mehrere Turnvereine, vor allem im Gebiet der benachbarten bergischen Großstädte. Auch im nahen Hückeswagen entstand schon 1850 ein Turnverein. Der allgemeine Aufschwung des Turnens ließ auch in Wipperfürth die Turnbegeisterten nicht ruhen. Es wurde die Gründung eines Turnvereins ins Auge gefasst. Am 4. September 1861 veröffentlicht man dann einen ersten Aufruf in dem „Wipperfürther Kreis- und Intelligenzblatt“. Weitere Artikel in den folgenden Nummern sollten die Jugend, ja die Bürger überhaupt, für das Turnen begeistern. Die darauf folgende Gründungsversammlung wählte Josef Drecker zum 1. Vorsitzenden, Theodor Meuwsen zum Turnwart, Julius Beeks zum Schriftwart und Franz Hölzer zum Zeugwart. Von den ersten Mitgliedern des Vereins sind außerdem noch bekannt: Johann Kleve, Julius Berghaus, Wilhelm Wille, Ernst Schelle, Josef Börsch, Franz Hagen und August Löher. Der eigentliche lnitiator ist Josef Drecker gewesen. Aus seiner Feder stammten die Zeitungsartikel, in seinen Händen lag die Vorbereitung der Vereinsgründung und danach das Geschick des Vereins selbst. Wegen seines Eifers und seines fortgeschrittenen Alters wurde er vielfach „Vater Jahn“ genannt.

Ein Übungsraum im eigentlichen Sinn stand nicht zur Verfügung. Man turnte in den Gängen des Klostergebäudes, des damaligen Progymnasiums. Die ersten Geräte mussten die Mitglieder selbst anfertigen. So wird zum Beispiel berichtet, wie man zum Schützengraben zog, um dort aus einem gefällten Birnbaum einen Bock zu zimmern; diesen überzog man dann mit Leder und setzte ihm vier Beine ein. Gewiss erwuchs die Selbsthilfe aus der Notwendigkeit, Geräte zu beschaffen, doch getragen wurde sie von einer Begeisterung, die man sich heute nur noch schwer vorstellen kann. Auch der recht hohe Beitrag von monatlich 5 Silbergroschen ist nur so zu verstehen. Ein Schwarzbrot von siebeneinhalb Pfund kostete um diese Zeit sechs Silbergroschen. […] Nach kurzer Zeit musste das Turnen in dem Klostergebäude eingestellt werden, wurde aber auf einem Wiesengelände bei der Maaßschen Fabrik an der Weinbach und nach einem weiteren Wechsel des Übungsplatzes auf einer anderen Wiese fortgesetzt.

Die Vereinsfahne aus den Gründerjahren

Zur Tätigkeit des Vereins zählte nicht nur die Durchführung der allwöchentlichen Turnabende. Man besuchte häufig die Turnvereine der umliegenden Städte und Ortschaften, wie die in Hückeswagen, Gummersbach, Wermelskirchen, Halver usw. und beschickte fleißig alle Turntage.

Die erste Krise erfasste den Verein schon nach vier Jahren des Bestehens. Der größte Teil der aktiven Turner war bis zu diesem Zeitpunkt zum Militärdienst eingezogen. Die so entstandenen Lücken konnten jedoch nicht wieder geschlossen werden, da es an Nachwuchs fehlte. Als Grund dazu gibt der damalige Vorsitzende Josef Drecker in einem Brief vom 15.1.1865 erstens die Abneigung des „bemittelten (Kaufmann) Standes“ an, ,, welcher seine jungen Söhne nicht mit Handwerkern in Verbindung gebracht haben wollte“ und zweitens die Interesselosigkeit der Lehrerschaft. Beachtet man nun noch die damals in Deutschland allgemein herrschenden Zustände, welche durch die aufeinanderfolgenden Kriege von 1864, 1866, 1870-71 hervorgerufen wurden, so lässt es sich leicht erklären, dass das Turnen wie in ganz Deutschland so auch in Wipperfürth zu einem gewissen Stillstand kam.

Dieser währte bis 1871. Anregung und Aufmunterung durch benachbarte Vereine gaben dann den noch vorhandenen Turnfreunden Mut zu einem neuen Beginn. Herr Meuwsen, einer der führenden Turner aus den ersten Jahren des Vereins, übernahm die gewiss nicht leichte Aufgabe. Eine anfängliche Begeisterung schwand aber bald wieder. In den Jahren 1886-87 fehlte dem Verein, dessen aktive Mitglieder hauptsächlich Jugendliche waren, sogar jegliche Führung. Man turnte ohne Leitung. Erst im Jahre 1889 begann ein neuer Aufschwung, der leider im darauffolgenden Jahre dadurch empfindlich getroffen wurde, dass fast die gesamte erste Riege zum Militärdienst eingezogen wurde. Gefährdet war die Weiterarbeit aber nicht, da genügend Nachwuchs vorhanden war. In diesem Jahr taucht zum ersten Mal der Name des heute noch lebenden Hubert Eck auf. Mit seinen zwei Brüdern zählte er zu den eifrigsten Turnern. Im Jahre 1893 übernahm er das Amt des Turnwarts und leitete die praktische Arbeit des Vereins äußerst rührig. Erwähnenswert ist die Einrichtung einer Turnstunden, in der er mit den Militärdienstpflichtigen zur Vorbereitung ihrer Dienstzeit gesondert turnte. Seinen und seiner eifrigen Mitarbeiter Bemühungen ist es zu verdanken, dass der Verein von jetzt an ununterbrochen regelmäßig turnen konnte, und dass keine Nachwuchssorgen auftraten. Im Jahre 1896 wurde die Gaststätte „Zum Brunnen“ als Vereinslokal und Turnraum gewonnen.

Die nun folgenden Jahre bis zum ersten Weltkrieg dürfen als eine besondere Zeit eifrigen Wirkens und schöner Erfolge des Vereins angesehen werden. Es gelang, den vorhandenen Geräten neue hinzuzufügen. Man besuchte alle Turnfeste, die in den benachbarten Städten stattfanden. Die Stiftungsfeste wurden durchweg in großem Rahmen begangen und brachten dem Verein jedes Mal neue Mitglieder. Von allen Wettkämpfen kehrten immer einige Turner mit Kränzen ausgezeichnet zurück, ja es wurden sogar manche Meisterschaften gewonnen. Der Name eines Mannes, der auch heute noch dem Verein seine aktive Mitarbeit widmet, taucht damals zum ersten Mal auf. Es ist Eugen Marienfeld, der auf dem Bergischen Spielfest in Hückeswagen 1910 einen 4. Kranz gewinnen konnte. Leider fehlen für die Zeit von 1911-1927 alle schriftlichen Zeugnisse, da diese durch einen Brand verlorengingen. Die Angaben für diesen Zeitraum stützen sich auf die Aussagen der beiden Turner E. Marienfeld und ab 1920 auch noch V. Pfeifer. Mit dem Jahre 1911 konnte der Verein auf ein 50jähriges Bestehen zurückblicken. Zu Ehren des Jubiläumsvereins wurde das Gauturnfest des Bergischen Turngaues in Wipperfürth durchgeführt. Selten hat die Stadt in ihrer leidvollen Geschichte so viele Menschen in ihren Mauern gesehen, die sich zu freudigem und friedlichem Tun dort versammelt hatten. Dieses große Treffen wurde auf den Ohler Wiesen an der Wupper abgehalten, da diese genügend Platz und gutes Wettkampfgelände boten. Verbunden mit dem Fest war die Weihe einer neuen Fahne, da die erste aus dem Jahre 1893 den Ansprüchen nicht mehr gerecht wurde.

Mit dem Kriegsausbruch im Jahre 1914 kam das turnerische Leben zum Erliegen. Erst 1919 wurde zum Wiederbeginn aufgerufen. Jetzt begann eine schwierige Zeit für den zusammengeschmolzenen Verein. Es gab Kampf gegen äußere Schwierigkeiten, gegen Vorurteile und gegen die Beschwernisse der Besatzungszeit. Es wurde eine Vereinigung des Turnvereins mit dem 1914 gegründeten Fußballclub Wipperfürth beschlossen. Der daraus entstandene „ Turn- und Spielverein“ bestand jedoch nur ein Jahr. Es waren finanzielle Gründe, welche die Trennung hervorriefen. Wieder auf sich selbst gestellt, wurde nun der innere Neuaufbau vorgenommen. Inzwischen hatten auch die Frauen in vielen Ländern und auf fast allen Gebieten ihre Gleichberechtigung gewonnen. Aufgeschlossene Männer des Vereins setzten sich jetzt dafür ein, dass man nicht länger die Frauen von einer sportlichen Mitbetätigung ausschließen dürfe. Nach Überwindung mancher Bedenken und eingewurzelter Vorurteile gelang es, eine erste Damenriege aufzustellen (1920).

Auch an die Bekleidung der Turnerinnen, Marinebluse und Pumphose, die bei manchem noch bedenkliches Kopfschütteln erregte, gewöhnte man sich allmählich. Die Frauen, die als erste dem Verein beitraten, waren: Toni Börsch, Maria Böcher, Lucie und Klementine Ritzenhauf, Käte, Hedwig und Steffie Stüben, Karola Wahrend und Lippa und Klara Schulte. Größere und ernsthafte Schwierigkeiten ergaben sich aus den Bestimmungen der französischen Besatzungsmacht von 1923 bis 1924, nach denen das Turnen verboten war. Um nicht ganz darauf verzichten zu müssen, beschloss man, den seit 1910 bestehenden Turnverein in Wasserfuhr zu besuchen und an den dortigen Turnabenden teilzunehmen. Es galt nun, unbemerkt die bewachte Grenzlinie zu überschreiten. Diese sogenannte Demarkationslinie verlief am nördlichen Ausgang der Stadt (Lüdenscheider Straße). Die Umwege und alle sonstigen Vorsichtsmaßnahmen eingerechnet dauerte der Anmarsch immer eineinhalb bis zwei Stunden. Alle Beschwernisse dieser fast abenteuerlichen Zeit wurden mit Freude und mutigem Sinn hingenommen. Ein Zeugnis echten Turnergeistes legte eine Gruppe von Turnern ab, als sie auf einem Turnfest in Wermelskirchen trotz des Verbotes durch die Besatzungsmacht mit der Fahne von 1893 erschien, welche die schwarz-weißroten Farben zeigte. Das Führen dieser Farben an Fahnen und Kleidung war untersagt. Deutlicher konnte das Festhalten an alten Grundsätzen und die Absage an alle Unterdrückungsversuche nicht bekundet werden. Zu den Sportarten der Vorkriegszeit kamen jetzt neue. Besonders eifrig wurden nun Leichtathletik und Faustball gefördert. Die Damenmannschaft errang sogar zweimal die Damenmeisterschaft im Faustball. Daneben galten alle anderen bekannten Spiele sowie Weitwurf als gern betriebene Abwechslung. Von dieser Zeit an konnte jährlich das deutsche Sportabzeichen erfolgreichen Mitgliedern des Vereins verliehen werden. Zur Pflege des Gesanges wurde 1925 eine Turnergesangsabteilung unter Ferdinand Stoever gegründet. Mitglieder dieser Unterabteilung waren hauptsächlich ältere Männer, die früher einmal aktive Turner gewesen waren und nun nicht ganz untätig bleiben wollten. Ein kleiner Spielmannszug, bestehend aus zwei Trommlern und zwei Flötisten, war schon vor dem Krieg gegründet worden, kam aber jetzt erst zur Geltung, bis er durch das Aufkommen der HJ-Fanfarenzüge (ab 1933) verdrängt wurde. Die erfolgreiche Vereinsarbeit wirkte sich auch nach außen hin aus, und zwar in der Frage der Beschaffung eines Sportplatzes, der den inzwischen gestiegenen Anforderungen entsprechen sollte. Bis dahin wurde auf verschiedenen Plätzen, hauptsächlich aber auf den Neyewiesen geübt und gespielt. Nun verlangte man, daß man endlich einen Sportplatz anlege, der den Ansprüchen der Sportvereine gerecht werde. Der Turnverein machte daher den Vorschlag, mit den anderen Sportvereinen, den Schulen und den Behörden gemeinsam vorzugehen (1928). So entstand durch kameradschaftliches Zusammenwirken aller hiesigen Sportvereine in mühevoller körperlicher Arbeit der Hindenburgplatz (1928). Wie bei dieser Gelegenheit, so hat immer ein gutes und freundschaftliches Verhältnis zu den Wipperfürther Sportvereinen und besonders zum VFR Wipperfürth bestanden.

Das Jahr 1928 ist für den Turnverein äußerst erfolgreich. Aus einem Wettkampf des Bezirks Köln geht die Riege unseres Vereins als beste Mannschaft hervor. Außerdem bewirkt die Teilnahme am Deutschen Turnfest in Köln einen regen Zulauf. Man ist sogar in der Lage, den bisherigen Sportarten weitere hinzuzufügen. Die Gründung von Abteilungen für Schwimmen und Skisport entsprachen dem Bestreben, Breitenarbeit in jeder nur möglichen Form zu leisten. 1931 wird der Schwimmabteilung eine Ortsgruppe der DLRG angeschlossen. Ein Jahr später versucht man, das Tennisspiel einzuführen. Wie ernst man die Arbeit an der Gesundheit nahm, zeigen die Vortragsabende, die der Verein unter Mitarbeit sportlich interessierter Ärzte durchführte. Ab 1930 wurde dem Schülerturnen größere Aufmerksamkeit zugewandt. Turnen und vor allem Leichtathletik waren die Hauptsportarten der Jugend. Der Erfolg zeigte sich bald. In den Jahren 1933-1935 besaß der Turnverein die besten Leichtathleten, besonders Läufer, in weitem Umkreis.

Mit der Machtergreifung durch die NSDAP änderte sich auch im Turnverein manches. Der 1. Vorsitzende wird von nun an Vereinsführer genannt, der den Vorstand bestimmt. Die Statuten werden nach einem vom „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ angeordneten Einheitsmuster geändert. Das gesamte Vereinsleben steht im Schatten der Partei. Der bald eintretende Krieg machte Einschränkungen notwendig, die aber die Tätigkeit nicht zum Erliegen brachten. Erst bei Kriegsende ruhte der Turnbetrieb notgedrungen. Bevor wir den ersten Teil unserer Vereinsgeschichte abschließen, müssen wir eines Mannes gedenken, den man im Dezember des Jahres 1954 in Essen zu Grabe trug. Es ist der damalige Oberturnwart des Rheinischen Turnerbundes, Julius Schmitz. Julius Schmitz verlebte seine Jugendjahre in Wipperfürth, wo er auch seine Reifeprüfung machte. In dieser ganzen Zeit gehörte er dem Wipperfürther Turnverein an und nahm noch 1911 aktiv am 50jährigen Stiftungsfest teil. 1913 hatte er die Turnlehrerprüfung abgelegt. Nach dem 1. Weltkrieg wurde er Oberturnwart im damals größten Kreis der deutschen Turnerschaft, dem Kreis 3c Berlin. Anschließend war er bis 1934 Stadtturnwart der Stadt Essen. […]

Von 1945 bis 1960

Mit dem Jahre 1945 war der Tiefpunkt einer auch für den Sportunheilvollen Entwicklung erreicht worden. Gleichzeitig aber wurde durch den Zusammenbruch einem Gebot ein Ende gemacht, das da hieß: Sport hat der Wehrhaftmachung und der Wehrhafterhaltung des Volkes zu dienen. Das allgemeine Chaos dieses Jahres breitete sich auf alle Lebensbereiche des Menschen aus. Die größte Sorge aller, die dem furchtbaren Geschehen der letzten Jahre entrinnen konnten, galt dem Weiterleben. Das Tagewerk eines jeden war die Jagd nach einem Stück Brot. Und doch traten bald wieder Männer und Frauen auf, die darüber hinaus Idealen den ihnen zukommenden Platz zu verschaffen suchten, ldealen, mit denen sie aufgewachsen waren, die sie auf ihrem Lebensweg begleiteten. Beobachtungen dieser Art konnten besonders früh auf dem Gebiet des Sports, vor allem des Turnens, gemacht werden. Je nach Rührigkeit der noch vorhandenen Mitglieder nahmen einzelne Vereine schon recht bald den Turnbetrieb wieder auf. Dazu musste aber eine Genehmigung der Militärregierung eingeholt werden.

Auf Anregung des Ehrenvorsitzenden des Turnvereins Wipperfürth, Heinrich Müller, trafen sich die an der Wiederaufnahme des Turnens interessierten Männer im Lokal Neu zu einer Besprechung. Es waren Ernst Haibach, Willi Pfeifer, Ludwig Neu, Ludwig Lehmacher und Herbert Burgmer. Von ihnen gingen alle weiteren Unternehmungen aus, wie: Antrag an die Militärregierung, Vorbereitung einer Mitgliederversammlung, Ausarbeitung von Richtlinien, da noch keine allgemeine Satzung für Turnvereine vorhanden war. Die Besatzungsmacht erteilte die Erlaubnis, und am 1.1.1945 wurde die erste Mitgliederversammlung abgehalten, an der 30 Turnerinnen und Turner teilnahmen. Damit war der Turnverein Wipperfürth wieder auferstanden. Zu Beginn des Jahres 1946 durfte vom Verein die Turnhalle des Gymnasiums benutzt werden. Die schottischen Soldaten, welche dort boxten, erlaubten dem Turnverein, die Halle mitzubenutzen. Nach dem Abzug des Militärs wurde die Halle von der Rheinländerrückführung beschlagnahmt. Die Hoffnung auf geregeltes Turnen war also vergeblich gewesen. Nach einer kurzen Freigabe im Jahre 1947 musste der Raum aber wegen des Zustroms Vertriebener aus den deutschen Ostgebieten wieder aufgegeben werden. Man musste sich nach einer anderen Unterkunft umsehen und fand sie in dem Saal der Gastwirtschaft Dahl auf dem Klosterberg. Die Geräte wurden in den Gängen des gegenüberliegenden Klostergebäudes untergestellt, gewissermaßen an historischer Stätte, da von dort ja das Turnen in Wipperfürth seinen Ausgang genommen hatte. Für die Turnstunden musste man die Geräte unter großen Schwierigkeiten in den Saal hinübertragen. In dieser Zeit blieben nur ganz wenige der Unentwegten dem Verein treu.

Auf die Dauer war aber der Dahlsche Saal keine Stätte für eine erfolgversprechende Arbeit. Man zog zum Hindenburgplatz um dort in den Notunterkünften, die im Krieg entstanden waren, und auf dem Platz selbst zu turnen. Geräte konnten ebenfalls dort untergestellt werden. Aber auch hier verweilte man nicht lange, da auch diese Baracken mit Ostvertriebenen belegt wurden, ebenso wie alle anderen Säle und größeren Räumlichkeiten in der Stadt. Der letzte Ausweg war ein Versuch, die Erlaubnis zur Benutzung des Radium-Saaleszu erhalten. Das Unternehmen zeigte sich großzügig und gab dem Verein die Möglichkeit, das Turnen weiterzuführen. Schwierigkeiten gab es jedoch auch hier. Es war kein Raum zur Unterbrinung der Geräte vorhanden. Man musste Barren, Pferd und übriges Gerät im Treppenhaus – dem Aufgang zum Saal – abstellen. […] Zu jeder Turnstunde musste alles zwei Stockwerke hinaufgetragen und am Schluss wieder hinuntergeschafft werden. Man nahm diese Beschwernisse gern hin, war ma doch froh, überhaupt Geräte zur Verfügung zu haben.

Nach dem Krieg war nichtsts mehr an brauchbarem Gerät vorhanden gewesen. Um neue Gerate erwerben zu können, hatten sich 20 bis 30 Turnerinnen und Turner zusammengetan. Man lud noch vorhandenes Turngerät auf einen Lastwagen und fuhr auf die Dörfer. So besuchte man Dohrgaul, Egen, Kreuzberg und Hartegasse. Durch die turnerischen Vorführungen an diesen Orten wollte man erstens werben für den turnerischen Gedanken und zweitens sammeln, um neue Geräte anschaffen zu können. Eine jede dieser Veranstaltungen schloss mit einem frohen Beisammensein und Tanz.

Solange es aber keine eigentliche Turnhalle gab, waren alle Bemühungen vergeblich. Zu allem Unglück musste dann 1949 auch der Radiumsaal geräumt werden. Ein Stillstand trat ein. Geräten konnte nicht mehr geturnt werden. Einige Mitglieder, die unter keinen Umständen das Turnen aufgeben wollten, besuchten deshalb die Übungsabende der Hückeswagener Turner. Da eine Halle ja nicht zur Verfügung stand, blieb jetzt nur noch der Sportplatz übrig. So wurde 1947 eine Handballabteilung gegründet und zwar zunächst nur für Männer, später auch für Frauen. Zu dieser Zeit war die Handballabteilung die aktivste Gruppe. Allmählich aber gestalteten sich die Verhältnisse so, dass alle Abteilungen in gleicher Weise betreut und gefördert werden konnten. Damals trat ein Teil der Handballer zum VFR über.

Eine frohe Nachricht war dann im April 1950 die Kunde von der Freigabe der Turnhalle. Sofort fanden sich 21 Turnerinnen und Turner zusammen, um gemeii1sam in die Halle zu ziehen und dort den ersten Hausputz zu halten. Jetzt konnte man sich wieder in alter turnerischer Frische dem Turnen widmen. Eine erste größere Aufgabe war damals die Austragung des Bezirksturnfestes im Jahre 1951 in Wipperfürth aus Anlass des 90jährigen Bestehens. Dieser Ehre wollte man sich keineswegs unwürdig erweisen, und so wurden alle Kräfte eingespannt, um das Fest zu einem würdigen Ereignis für alle Teilnehmer zu gestalten. Von nun an ist eine gleichmäßige Aufwärtsentwicklung in jeder Beziehung festzustellen. Die eigentliche Notzeit war überstanden. Man konnte jetzt planmäßig üben und sich so zur Teilnahme an größeren auswärtigen Veranstaltungen vorbereiten. Das Treffen der Altersturner in Marburg wurde von Vereinsmitgliedern besucht. Erfolgreichste Teilnehmer waren Willi Pfeifer, der in seiner Klasse einen ausgezeichneten 19. Platz belegte, und Ernst Haibach, der für eine Übung die Wertung 10 erhielt. Auch das Deutsche Turnfest 1953 in Hamburg, an dem sich 50 Vereinsmitglieder beteiligten, war ein Erfolg für unsere Altersturner. Eugen Marienfeld erkämpfte sich auf dieser Riesenveranstaltung einen 30. Platz im Vierkampf. Weitere Erfolge konnten Ernst Haibach im Sechskampf und Leo Reuter im Neunkampf erringen. Auch die Jugend und die Gymnastikgruppe wurden ausgezeichnet. Ein seltenes und unvergessliches Erlebnis für alle Wipperfürther Teilnehmer war die abschließende Turnfahrt nach Helgoland. Nicht nur die großen Veranstaltungen waren weiterhin das Ziel der Vereinsarbeit. Man bemühte sich ebenso um Kontakte mit den benachbarten Turnvereinen. Vergleichskämpfe wurden ausgetragen mit Städten und Orten wie Bergisch Gladbach, Bensberg, Radevormwald und Halver. Jede Möglichkeit, einen Wettstreit zu besuchen, wurde ausgenutzt. Auch in Wipperfürth selbst ließ man keine Gelegenheit aus, sich mit anderen Vereinen zu messen. Die Stadtsportfeste sowie Stadtmeisterschaften brachten dem Verein große Erfolge. Die alljährlich stattfindenden Stiftungsfeste dienten u. a. auch der Werbung neuer Mitglieder. Besonders hervorzuheben ist das 95. Jubiläum, zu dessen Feier eine Riege der besten Turner der Sporthochschule Köln – an der Spitze der Japaner Masami Ota und der deutsche Kunstturner Herbert Schmitt – erschien. Die Vorführung dieser Riege gab dem Vereinsturnen Aufschwung. Aber auch die Leichtathleten und Faustballspieler stamden ihnen in Eifer und Erfolg nicht nach. […]

Von allen diesen Erfolgen ging eine werbende Wirkung aus. Ein erheblicher Andrang vor allem von Schülern und Jugendlichen setzte ein. So war es gerade Recht, dass die Stadt Wipperfürth zu dieser Zeit den lang gehegten Vorsatz, eine Turnhalle zu bauen, in die Tat umsetzte. Übertroffen wurde aber die Erwartung durch die Tatsache, dass das Projekt auch ein Schwimmbad einschloss. Beides – Turnhalle und Schwimmbad – wurden für die Arbeit des Turnvereins zur Verfügung gestellt. Überraschend schnelle entwickelte sich eine Schwimmabteilung, die bald über 100 Mitglieder auswies.

Die große Integrationsfigur des Turnvereins in dieser Zeit war Willi Pfeifer. Schon 1920 trat er dem Turnverein Wasserfuhr bei und wechselte 1922 zum Wipperfürther Turnverein über. 1961 war er seit 26 Jahren Turnwart und gehörte 20 Jahre dem erweiterten Vorstand an. Das Amt des Oberturnwartes bekleidete er in den Jahren 1934-1943. Seinem nimmermüden Eifer war es zu verdanken, daß der aktive Turnbetrieb während des ganzen Weltkrieges durchgeführt werden konnte. Unter dem Vereinsvorsitz von Ludwig Keller leitete er sämtliche turnerischen Abteilungen, und trotz der schweren Zeit nahmen die Mitglieder eifrig und zahlreich an den Übungsstunden teil. Ungezählt sind die Preise und Auszeichnungen, die er erwarb. Allwöchentlich stand er mehrere Male und sehr oft auch an Sonntagen in der Turnhalle oder auf dem Sportplatz, um seinen jungen und alten Sportkameraden von seinem reichen turnerischen Wissen und Können mitzuteilen und sie zu tüchtigen Turnern zu machen. Sein guter Humor, seine Selbstlosigkeit, seine erzieherische Hingabe und sein Verantwortungsbewusstsein dem Menschen und besonders der Jugend gegenüber waren vielen ein Vorbild.

Wandertag zu Christi Himmelfahrt 1960 (von links): J. Zollenkopf, F. Thelen, O. Kressin, J. u. R. Marienfeld, K. Schiebahn mit Sohn, W. Borchert, J. Sünger und W. Thelen

Von 1961 bis 1975

1961, zum Fest aus Anlaß seines IOOjährigen Bestehens, hatten sich die Verantwortlichen des TVW Großes vorgenommen: Zu den Festtagen, dem 8./9. und 10. Juli, sollte das Gauturnfest des Bergischen Turngaus den würdigen Rahmen für das stolze Jubiläum bilden. Gauturnfeste hatten vor 25 Jahren einen anderen Stellenwert für die Turnerinnen und Turner als heute, wie auch Mitglied in einem Turnverein zu sein, mehr bedeutete, als nur zu sportlichem Tun zusammenzukommen. Man sprach noch mit Recht von der Turnfamilie, die zwar von der modernen Gesellschaft zunehmend als Jahn-Jünger wegen ihres altmodischen Treibens an ihren traditionellen Geräten belächelt wurde, der man aber als Außenstehender eine gewisse Achtung nicht verwehren konnte und die man wohl auch wegen ihres Vereinslebens beneidete. Gauturnfeste führten in regelmäßigem Turnus Gleichgesinnte aus dem gesamten Gaubereich zu Wettkämpfen, Festakten, gemeinsamen Gottesdiensten und großen Festabenden zusammen. 1961 wurde auch der Bergische Turngau 100 Jahre alt, umfasste mehr als 30 Vereine, die von dem Gauvorsitzenden Max Fischer im Festbuch mit folgenden Worten nach Wipperfürth gerufen wurden: ,,Ihr Bergischen Turner und Turnerinnen, kommt in hellen Scharen mit aufgeschlossenen Herzen, mit echter Begeisterung nach Wipperfürth. Helft alle nach besten Kräften mit, die Hundertjahrfeier der Wipperfürther zu verschönen, damit sie und auch das Gauturnfest ein Markstein in der Geschichte des Turnvereins Wipperfürth und des Bergischen Turngaues werde.“

Man muss wohl großen Respekt vor dem Mut haben, den der damalige Vorstand des Vereins aufgebracht hat, um ein solches Fest gebührend auszurichten. Man bedenke: Der Verein zählte 1961 265 Mitglieder, von denen 109 über 18 Jahre alt waren. Von ihnen wurden zur Vorbereitung der Veranstaltungen als Unterstützung des „Erweiterten Vorstandes“, der ohnehin 26 Mitglieder umfasste, weitere Helfer in den Festausschuss gewählt. Zumindest auf dem Papier hatte sich also ca. ein Drittel aller Erwachsenen zur Mithilfe verpflichtet. Das hätte zur Bewältigung der Aufgaben nicht ausgereicht; man konnte den organisatorischen Rahmen abstecken, die „geistigen“ Vorbereitungen treffen: Ein kleiner Kreis sorgte für Inhalt und Finanzierung des Festbuchs. Die Geschichte des Turnvereins wurde als Teil einer Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln von K.-H. Bork aufgearbeitet, die „Vorstellung“ der Fest-Stadt Wipperfürth übernahm der Vorsitzende des Wipperfürther Heimatvereins, Hans Kraus, die Gesamtverantwortung für den Inhalt der Festschrift, die als Visitenkarte des Vereins besondere Mühe verlangte, wurde in die Hände von Helga Steinbüchel und Josef Niewöhner, einem eigens dafür angeworbenen Studienrat am hiesigen Gymnasium, gelegt.

Die eigentlichen Schwierigkeiten aber lagen ganz woanders: Bei den Wettkampfstätten! Man bedenke nämlich weiter: Eine einzige Freianlage stand mit dem alten Sportplatz „Dreiböcken“ zur Verfügung! Für alle leichtathletischen Mehrkämpfe waren Laufbahnen, Weitsprungbahnen, Kugelstoßanlagen erst zu schaffen! Im Frühjahr 1961 wurden nach Plänen des Städtischen Bauamts Laufbahnen und Sprunggraben in den Wiesen zwischen dem Sportplatz und der Wupper angelegt. Das Gelände wurde planiert, der Untergrund drainiert, Schlackeschichten aufgetragen – und dann kam Hochwasser; die Wupper trat über die Ufer und schwemmte in wenigen Stunden die mühsame Arbeit, die Tag für Tag in jeder freien Stunde von den Mitgliedern des Vereins in echter Handarbeit mit Hacke, Schaufel und Schubkarre geleistet worden war, ,,die Wupper runter“! Der Mut war ungebrochen. Trotz der Bedenken um die Sportplatzdecke, die alle Trainings- und Spielzeiten der fußball- und handballspielenden Mannschaften des VfR auszuhalten hatte, wurden die 100m-Laufbahnen auf die Südseite des Sportplatzes gelegt, wozu allerderdings eine Verlängerung des Platzes gen Westen notwendig wurde. Auf einem Privatgrundstück wurden vier Betonplatten für den Kugelstoß gegossen, deren Gewicht sich erst offenbarte, als kaum genügend starke Arme gefunden werden konnten, um sie für den Transport zur Wettkampfstätte auf einem Lkw auf- und abzuladen. Die Weitsprunggruben blieben am hochwassergefährdeten Wupperrand und vervollständigten über das Turnfest hinaus für noch ein volles Jahrzehnt die einzige Wettkampfanlage in Wipperfürth!

Heute gelten nur Kunststoffanlagen als wettkampfgerecht; damals ginge einige hundert Wettkampfübungen ohne Murren über die Anlage, und man nahm auch in Kauf, dass als Umkleideräume Klassenzimmer in einiger Entfernung dienten und an Duschen nicht zu denken war. Die große Sorge war – wie könnte es in Wipperfürth anders sein – das Wetter! Die Schwimmwettkämpfe mussten in jedem Fall im Freibad Niedergaul durchgeführt werden; das neue Stadtbad an der Ringstraße war zu klein, Gerätewettkämpfe und -vorführungen waren bei der großen Teilnehmerzahl nur im Freien denkbar; es standen als Hallen nur die kleine Halle des Gymnasiums und die etwas größere, damals neue Halle der Antonius-Schule zur Verfügung. Petrus war launisch, den Festzug, die in jener Zeit noch unbestrittene Demonstration der großen Turnerfamilie, ließ er noch zu, die Sondervorführungen und leichtathletischen Einzelkämpfe ertränkte er und trieb Teilnehmer und Zuschauer vorzeitig und schon zur Siegerehrung in das große Festzeit, in dem am Abend der Festball den Abschluss des Gauturnfestes bildete.

Man wird heute vielleicht Mühe haben zu begreifen, dass derartige Feste, die in der Nachschau so unzulänglich wirken, Höhepunkte und wirkliche Marksteine in der Geschichte eines Vereins sein können. Es bedurfte unglaublicher Anstrengungen weniger, des Vorsitzenden Herbert Burgmer, des Festausschuss vorsitzenden Ludwig Keller, von Oberturnwart Hans Frößler, von Willi Pfeifer, Willi Thelen, Rolf Marienfeld, Hermann Sengfelder, Karl Schiebahn und Peter Härter – um nur einige zu nennen – die viele andere zum Mittun begeisterten, die Wege bei Rat und Verwaltung der Stadt ebneten und das öffentliche Interesse am Vereinsgeschehen über das Fest hinaus erhielten.

Es schien, als hätten die Wipperfürther neben den „großen Spielen“ Fußball und Handball, die vom Verein für Rasensport 1914 e.V. betreut wurden, nun erneut die Vielseitigkeit des Sports entdeckt, die der Turnverein ihr anbieten konnte. Innerhalb eines Jahres nahm die Mitgliederzahl um rund 39% zu, von 265 auf 368, und zwar gleichermaßen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Dieser in der Relation einmalige Zustrom stellte den Verein vor ernsthafte räumliche und personelle Probleme: Jede neu eingerichtete Übungsstunde, zu der die Teilung größer werdender Abteilungen und weitere Sportangebote zwangen, forderte qualifizierte Übungsleiter in einer Zeit, in der noch jede Vereinstätigkeit uneingeschränkt ehrenamtlich war. Mit viel Umsicht wusste die Vereinsführung der Schwierigkeiten Herr zu werden, Eltern der Kinder, Bademeister, Lehrer, unter ihnen drei Sportlehrer des Gymnasiums, waren in wenigen Jahren dem bewährten Vorturnerstamm hinzugewonnen.

Unsere Schwimmabteilung in den sechziger Jahren mit ihrem Leiter Otto Kressin

Das Vereinsleben blühte mehr und mehr auf; sein Mittelpunkt wurden Turnhalle und Stadtbad an der Ringstraße, von hier gingen alle Aktivitäten aus, kein Turn- oder Sportfest auf Kreis- , Bezirks- oder Gauebene wurde ausgelassen. Beim Deutschen Turnfest in Essen 1963 kampierte ein Teil der Wipperfürther Delegation in Zelten im Garten einer befreundeten Essener Familie, am 5. Rheinischen Landesturnfest im Juni 1966 in Remscheid nahmen rund 50 Aktive des Vereins teil. Am erfolgreichsten waren die Altersturner, die Prellballmannschaften, die in der Männerklasse I und Jugend A jeweils den 3. Rang belegten, und die Jugendturnerinnen, die schon 1965 im Geräteturnen auf Landesebene auf sich aufmerksam gemacht hatten, und sich in Remscheid erstmals als Mehrkämpferinnen im Deutschen Sechskampf und Jahn-Sechskampf für die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften 1966 in Minden qualifizierten. Diese Turnerinnen wurden für rund ein Jahrzehnt das Aushängeschild des Vereins. In wenigen Jahren hatte sich aus der Kinderabteilung eine Schar junger Talente herauskristallisiert, die den schon damals gewaltigen Sprung vom einfachen Gerät- zum Leistungsturnen schaffte und mit ihren Erfolgen im Bergischen Turngau führend und im Rheinischen Turnerbund mitbestimmend wurde.

Der Wipperfürther Öffentlichkeit blieb zunächst verborgen, dass einige Mädchen sich dem Leistungssport Gerätturnen, der noch in den fünfziger Jahren als unfraulich verpönt war, verschrieben hatten. Die Presse berichtete zur 105-Jahr-Feier des TV Wipperfürth unter der Überschrift „In großer Schau: Turnen vom Kindes- bis zum Greisenalter“ von den vielfältigen Darbietungen, die der Verein mit allen Abteilungen in der überfüllten kleinen Turnhalle präsentierte, und zitierte seinen Vorsitzenden Herbert Burgmer, ,,dass es nicht Sache eines Turnvereins sei, besondere Einzelwertungen herauszustellen, sondern den Sport in der Gesamtheit zu fördern“. Knapp ein Jahr später hatte sich das Bild geändert. Am 6. 9. 1967 meldete die Bergische Landeszeitung: „Bombenerfolg der Wipperfürther Turner in Schweinfurt – Deutsche Jugendmeisterin im Jahn-Sechskampf: Veronika Schnepper“, am 13. 9.1967 verkündete der Wipperfürther Anzeiger: „Es dauerte 106 Jahre … aber nun ehrte der Turnverein Veronika Schnepper“. Bei den Deutschen Turnmeisterschaften in Schweinfurt hatten die beiden Turnerinnen Veronika Schnepper und Liesel Flosbach den 1. und den 7. Platz errungen, in einer Feierstunde bezeichnete der Vorsitzende Herbert Burgmer, wie die Presse berichtet, die Ehrung „als den bisher schönsten Tag für den Turnverein“. Er nahm die Gelegenheit wahr, all die Höhen und Tiefen aufzuzeigen, die der Verein bis zu diesem stolzen Tag erlebt hat. Er würdigte die Arbeit von Eugen Marienfeld, Heinrich Müller und Ludwig Keller, besonders aber die erfolgreiche Tätigkeit des jetzigen Oberturnwartes Werner Bochert, der dem Verein ein neues Gesicht gegeben habe“.

In Wirklichkeit schlug das Herz des Vereinslebens im Stillen, der 2. Vorsitzende, Willi Thelen, war der unermüdliche Schrittmacher, der in jeder Abteilung den Lahmenden wieder auf die Beine half, die Resignierenden neu motivierte. Seine Frau Martha sorgte für die Gemeinschaft in ihrer Großfamilie. War 1967 ein sportlich besonders erfolgreiches Jahr, so wurde 1968 das Jahr des großen gemeinsamen Erlebnisses. Für das Deutsche Turnfest in Berlin hatten viele über Jahre gespart, um sich die aufwendige Fahrt im eigens dafür gecharterten Bus leisten zu können. Der Nestor unter den Aktiven war mit 74 Jahren Eugen Marienfeld, der mit seinen Turnbrüdern in den Gemeinschaftsunterkünften auf einer Luftmatratze übernachtete und auf dem Festgelände mit einem schnell beschafften Turnfestandenken für seine 60jährige Vereinsmitgliedschaft geehrt wurde. Der in der Jahreshauptversammlung 1968 zum Ehrenvorsitzenden gewählte Ludwig Keller genoss mit viel Freude sein letztes großes Turnfest mit den vielfältigen, auch kulturellen Angeboten, besonders aber einen der Höhepunkte, die: Deutschen Meisterschaften im Olympischen Achtkampf der Turnerinnen im großen Rund der Deutschlandhalle, wo unter den fünf Besten des Rheinischen Turnerbunds Veronika Schnepper am Start war.

1968 war auch das Jahr der personellen Veränderungen im Vorstand des Vereins. Aus beruflichen Gründen legte der 1. Vorsitzende Herbert Burgmer nach 22 Jahren sein Amt nieder. Die Amtszeit des ausscheidenden Vorsitzenden war zunächst geprägt durch den Wiederbeginn allen sportlichen Tuns nach dem 2. Weltkrieg, er gehörte zu den fünf ersten Männern, die die technischen und organisatorischen Voraussetzungen für die Wiederbelebung des Vereins schafften. Sein Wirken war aber nie auf seinen Verein beschränkt, sondern immer von der Verantwortung für die Belange aller Mitbürger getragen, für die er als Vorsitzender des größten Vereins wie auch als Ratsherr seiner Heimatstadt gleichermaßen stritt.

Zum neuen 1. Vorsitzenden wurde Werner Borchert gewählt, ihm zur Seite als Oberturnwart Reiner Cimiotti, Studienrat und Diplomsportlehrer am hiesigen Gymnasium, Turner seit seiner Kinderzeit in Olpe/W.

1969 wuchs die Mitgliederzahl auf über 450, der Turnverein bekam immer mehr kommunalpolitisches Gewicht, was sich u. a. auch darin zeigte, dass sein Vorsitzender auch zum 1. Vorsitzenden des 1967 neugegründeten Stadtsportverbandes gewählt wurde. Ziel aller Bestrebungen musste jetzt sein, neue Sportstätten zu schaffen, 16 Abteilungen des Turnvereins sprengten allein die vorhandenen Hallenkapazitäten. In den Kinderturnstunden tummelten sich in der Regel mehr als 60 Kinder in der Halle der Antoniusschule. Rat und Verwaltung der Stadt erkannten den Nachholbedarf für Schulen und Vereine, die Doppelturnhalle auf dem Hindenburgplatz und das Stadion auf dem Mühlenberg waren in Planung. Die Sorgen um die täglich zu betreuenden Übungsstunden deckten die Erfolge der Aktiven fast zu. Bei den Kunstturnerinnen in der Olympiaklasse war Veronika Schnepper im Rheinland Dritte geworden, ihre jüngere Schwester Gisela wurde Rheinische Juniorinnen-Meisterin, bei den Mannschaftsmeisterschaften der Jugendturnerinnen errang der Nachwuchs mit G. Schnepper, Helga Kriegeskorte, Angelika Drobner und Monika Brochhaus hinter dem Barmer TV und TuS 04 Leverkusen vor dem TS Bergisch Gladbach den 3. Platz. Die Schwimmer glichen ihr Handicap im Training durch die zu kurze Bahn im Stadtbad und die fehlenden Sprungmöglichkeiten durch Staffelerfolge aus, während die Leichtathleten mit ihrem neuen Trainer H.-J. Kuschke, auch Sportlehrer am hiesigen Gymnasium, Wettkämpfe in der ganzen Umgebung mit Erfolg als Trainingsersatz besuchten.

Veronika Schnepper: Frisch gebackene Deutsche Jugendmeisterin im Jahn-Sechskampf mit Liesel Flosbach (7. Platz), eingerahmt von Renate und Werner Borchert

1970 wurde in der Hauptversammlung zum Jahr der Übungsleiter deklariert. Die Bezahlung von Übungsleitern mit Unterstützung durch den Landessportbund hatte neue Probleme mit allen Vereinen aufgedeckt. Die ehrenamtliche Tätigkeit, bisher ein fester Pfeiler im Verein, geriet ins Wanken. Aber der Verein musste für die 70er Jahre, die „Goldenen“ für den Wipperfürther Sport, gerüstet sein.

Die Geburtstagsfeier zum 110-jährigen Bestehen konnte unter viel Beachtung durch die Öffentlichkeit in einer Matinee in der neuen Doppelturnhalle auf dem Hindenburgplatz begangen werden. Großes Lob erhielt der Verein von Politikern aus Stadt, Kreis und Land für vorbildliche Arbeit, viel Beifall ernteten die Aktiven für ihre Jubiläumsschau, in der die gesamte Palette der Breitenarbeit des Turnens im besten Sinne gezeigt wurde. Die besonderen Farbtupfer, die Demonstration des Turnspiels Prellball durch den Deutschen Meister TV Berkenbaum und das Schauturnen der Wipperfürther Kunstturnerinnen mit den Kunstturnern der Elberfelder Turngemeinde, unter ihnen der japanische Meisterturner Miyake, rissen die lokale Presse zu übertriebener Begeisterung hin: „Die Demonstration der Spitzenkräfte des TV Wipperfürth und der Elberfelder Turngemeinde waren absolute Meisterschaft und stellen das Traumziel aller turnerischen Bemühungen dar.“

Das Traumziel der Leichtathleten war die Fertigstellung des Stadions mit dem Betriebsgebäude 1972, der Boom in dieser Sportart hatte begonnen, als Trainings- und Wettkampfstätten zur Benutzung freigegeben worden waren. Von „ganz ausgezeichneten Erfolgen“ wird berichtet, „über die Kreisgrenzen hinaus wurde der Name des TV bei den Niederrheinmeisterschaften und bei internationalen Sportfesten in der Spitzengruppe der Einzel- und Mehrkampfwertungen genannt“.

Von 1976 bis zum 125-jährigen Bestehen 1986

Wie ein Blitz schlug die Nachricht Ende 1975 ein: Werner Borchert, der 1. Vorsitzende, stellt ab 1.1.1976 sein Amt zur Verfügung. Ratlosigkeit und Bestürzung, teilweise auch Verständnis waren die Reaktionen im Turnverein auf diesen überraschenden Schritt des 1. Vorsitzenden, der den Verein durch sein großes und kontinuierliches Engagement in sportlicher und gesellschaftlicher Hinsicht zu außerordentlicher Blüte gebracht hatte. Diese Konsequenzen als Antwort auf eine schulpolitische Entscheidung im Rat der Stadt Wipperfürth brachten den bis dahin in seiner Struktur überaus gesunden Verein ins Wanken. Denn nicht nur als organisatorischer Leiter eines über 600 Mitglieder starken Vereins, sondern auch als erfolgreicher Trainer seiner so leistungsstarken Kunstturnabteilung war Werner Borchert nicht zu ersetzen. Dass seine Frau Renate nun ebenfalls ihre Übungsleitertätigkeit beendete, war selbstverständlich. Doch die Probleme sollten noch größer werden. Oberturnwart Rainer Cimiotti und Frau solidarisierten sich, so dass im Turnverein zum 1.1.1976 auch nach dem Ausscheiden von Liesel Kohlgrüber neun Gruppen ohne sportliche Leitung waren. Der Kollaps stand unmittelbar bevor. Dass das havarierte Vereinsschiff dann doch wieder schlingernd auf Kurs gebracht werden konnte, verdankt der Verein dem verbleibenden Vorstand, der unentwegt versuchte, die Lücken zu schließen. Doch von diesem Schicksalsschlag sollte sich das reine Turnen im Verein nicht mehr erholen, weil gerade die zurückgetretenen Trainer und Übungsleiter überwiegend einen großen Vorteil gegenüber ihren Nachfolgern hatten. Sie waren ausgebildete Sportlehrer, an Wipperfürther Schulen tätig und damit Garanten für Nachwuchs und Kontinuität.

Überschattet wurde das Jahr ’76 auch durch den Tod von Willi Pfeifer und Eugen Marienfeld. Beide waren über 50 Jahre Mitglied im Verein und hatten durch ihre Arbeit auch im Vorstand segensreich gewirkt. Mit ihnen wurde ein Kapitel Wipperfürther Turngeschichte zu Grabe getragen. Für diese beiden war der Gedanke einer Turnfamilie, in die man hineingeboren wird und der man bis zu seinem Tode treu bleibt, noch lebendig gewesen. Aber diese Zeit einer großen Turnergemeinschaft nah jahnscher Prägung war nun endgültig vorbei. Der integrative Gedanke eines gemeinsamen Wollens und Handelns im idealistischen turnerischen Sinne „was kann ich für den Verein leisten“ musste sich der utilitaristischen Maxime „was nutzt mir der Verein“ beugen. Der Name Turnverein war nur noch der Sammelbegriff für eine Reihe mehr oder weniger selbständiger Abteilungen, so dass die Vokabel vom Turnverein als Dienstleistungsbetrieb zutreffend wurde. Das solidarisierende Element einer verschworenen Turngemeinschaft konnte nicht weitergegeben werden, so dass die Geschichte des Turnvereins nunmehr die von einzelnen Abteilungen wurde. Nachdem es dem Vorstand unter der Leitung der stellvertretenden Vorsitzenden Marianne Rieckmann gelungen war, allen verwaisten Abteilungen neue Übungsleiter zu beschaffen, galt es, die vakanten Positionen im Vorstand neu zu besetzen. Rolf Marienfeld, dessen unermüdliche Tätigkeit im Vorstand sich wie ein roter Faden schon Jahrzehnte durch die Vereinsgeschichte zieht, wurde fündig. Am 28.10.1977 trat der junge und gerade examinierte Dipl.-Sportlehrer Bernhard Wald die Nachfolge Werner Borcherts als 1. Vorsitzender an. Seine Sorge galt zunächst der Sicherung der einzelnen Abteilungen mit Übungsleitern. Eine Reihe von bis dahin in der Vereinsgeschichte kaum bekannter Schwierigkeiten traten an den Verein heran. Durch die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports war es äußerst schwierig, qualifizierte Trainer oder Übungsleiter unter den im Turnverein üblichen finanziellen Konditionen für eine Tätigkeit zu motivieren. Der 1970 gegründete Sportverein Wipperfürth, die Volkshochschule und das Haus der Familie kamen als gut bezahlende Mitanbieter neu auf den Markt. In der Tradition der Turnvereine waren Begriffe wie Kursgebühr, Honorartrainer etc. unbekannt. Man war bemüht, allen Bürgern ohne große finanzielle Belastung eine große Auswahl sportlicher Aktivitäten zu ermöglichen, indem man weitestgehend die Arbeit ehrenamtlich verrichtete und so auf den Idealismus Einzelner angewiesen war und ist. Der Gedanke, für die qualifizierte Arbeit eines Trainers auch eine qualifizierte Bezahlung zu bieten, war im Turnverein nicht realisierbar, da einerseits die Mittel der öffentlichen Hand im Laufe der Jahre immer dürftiger flossen und andererseits bei der Vereinsstruktur – über zwei Drittel der Mitglieder waren Kinder oder Jugendliche – eine entsprechende Beitragserhöhung nicht zumutbar war. Eine Sportart, die durch Zuschauer Geld hereinbrachte, hatte man nicht im Verein. Ganz im Gegenteil, Sportarten wie vor allem die Leichtathletik, weniger Schwimmen und Turnen kosteten den Verein mehr und mehr an Startgeldern und Fahrtkosten für auswärtige Starts und Qualifizierungen. Dies alles konnte den Turnverein in eine existenzgefährdende Situation bringen.

Im Jahre 1979 wurden diese Schwierigkeiten durch eine effektive Beitragseinziehung vorläufig behoben. Die bisherige Form, die Mitgliedsbeiträge durch Kassierer und Unterkassierer einzuziehen, war schon immer aus verschiedenen Gründen nicht ohne Probleme gewesen und blieb im Ergebnis sehr unbefriedigend. Durch EDV-Verfahren ließ man alle Mitglieder erfassen und hatte nun die Möglichkeit, die Zahlungseingänge zentral zu steuern und zu kontrollieren. Der Erfolg dieses Verfahrens war überzeugend.

Die Vorstandswahlen im Jahre 1981 brachten einige Veränderungen mit sich. Albert Dohr, treuer Geschäftsführer des Vereins seit 1962 nahm sein Ausscheiden aus dem Berufsleben zum Anlass, sein Amt in die jüngeren Hände von Helmut Stoppenbach zu übergeben. Mit der Bemerkung „als Pensionär hat man weniger Zeit zur Verfügung als im Berufsleben, wie jeder weiß“, wußte er seinen Rücktritt auch trefflich zu begründen. Mit Adeline Zander gesellte sich neben Marianne Rieckmann eine zweite Frau als stellvertretende Vorsitzende für den ausscheidenden Erich Buchheim in den Vorstand. Durch Oswald Pankalla konnte die seit dem Rücktritt von R. Cimiotti so lange vakante Stelle des Oberturnwartes endlich besetzt werden. Oswald Pankalla bemühte sich in der Folgezeit immer wieder, die verschiedenen Abteilungen einander näher zu bringen. Doch der Entfremdungsprozess vom eigentlichen Turnverein im tradierten Sinne, war schon zu weit vorangeschritten. Deutliches Zeichen für diese Entwicklung war dann auch die Tanzveranstaltung, die anlässlich des 120jährigen Bestehens im Wesentlichen nur noch den harten Kern des Vereins, die Altersturner neben einigen Leichtathleten ansprach. Der Rückzug in die mehr private Geselligkeit machte dann auch vor dem traditionsreichen Turnerball zu Karneval nicht halt. Von Mal zu Mal wurde es schwieriger, die Abteilungen zum Mittun zu motivieren. Wurden die Eintrittskarten früher nur „Auserwählten“ zugeteilt, so war das Interesse an dieser Veranstaltung im Jahr 1983 so gering, dass der Vorstand sich entschloss, bis auf Weiteres den Turnerball nicht mehr durchzuführen.

Dennoch war das Vereinsleben nicht tot. Ganz im Gegenteil, in den Abteilungen blühte es kräftig weiter. Ausflüge, Feiern und Feten gehörten in allen Abteilungen zum selbstverständlichen Jahresrhythmus. Nur als sogenannte Turner fühlte man sich bei gemeinsamen Veranstaltungen nicht mehr angesprochen. Der Leichtathlet war im Leichtathletikverein, der Schwimmer im Schwimmverein, der Tischtennisspieler in seinem Verein usw. Eine Identifizierung mit dem Turnverein als Turngemeinschaft war und ist bei vielen der jüngeren Vereinsmitglieder nicht mehr möglich. Dennoch gelang der Leichtathletikabteilung 1981 mit der Durchführung eines Grillfestes ein gewisser Durchbruch zu neuer gemeinsamer Geselligkeit. Seitdem wurde das Fest jedes Jahr von einer anderen Abteilung des Vereins durchgeführt, so dass sich dieser Abend bei Kotelett und Bier immer größerer Beliebtheit erfreut.

1982 drohte allen Sportvereinen eine schon einmal im Jahre 1975 erlebte Gefahr: Der Presse konnte man entnehmen, dass allerorts Diskussionen um die Erhebung von Gebühren für die Benutzung von Sportstätten geführt wurden. Die großen Fehlbeträge in den Kassen von Städten und Gemeinden hatten den Regierungspräsidenten in Köln zu der Forderung veranlasst, dass alle Gemeinden u. a. Gebühren für die Benutzung von Sportstätten erheben bzw. sogar Bäder oder andere sportliche Einrichtungen schließen sollten. Diese Frage wurde auch im Sportausschuss des Rates der Stadt Wipperfürth behandelt mit dem Ergebnis, im Gegensatz zur Stadt Gummersbach, vorläufig auf Sportstättenbenutzungsgebühren zu verzichten. Jedoch wurde eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die die Stadt auf der Ausgabenseite merklich entlasten sollten. Die Zeit für Rekordversuche im Dauerduschen war damit vorbei. Die Brauchwassertemperaturen wurden für jeden spürbar reduziert, ebenso die Anzahl der Duschen, die Beleuchtung eingeschränkt, verstärkte Mitarbeit der Vereine an Unterhaltungsmaßnahmen gefordert usw. Mit großer Erleichterung akzeptierte man im Vorstand diesen Aufgabenkatalog, da die Abführung zusätzlicher Gelder an die Stadt für den TV Wipperfürth bei seinen vielen Abteilungen den finanzie!ien Ruin zur Folge gehabt hätte. Die bei der Stadt Wipperfürth im Hinblick auf Kostendämpfung schon seit längerem übliche eigenverantwortliche Nutzung der Hallen durch Sportvereine, sprich Schlüsselgewalt, weitete sich Ende 1983 auch auf die kreiseigenen Hallen der Berufsschulen aus. Hier wurde mit allen beteiligten Vereinen von Seiten des Kreises ein Nutzungsvertrag geschlossen, der alle Rechte und Pflichten des Benutzers genau beschrieb.

Die Wandlung des Turnvereins alter Prägung hin zu einem Unternehmen in Sachen Sport wurde immer deutlicher. Es musste Rechenschaft gegenüber der Finanzverwaltung über das Vereinsvermögen gegeben werden. Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts verlangte einen Lohn- und Gehaltsnachweis über Mitarbeitervergütungen, um zu prüfen, ob der Verein als Unternehmer im rechtlichen Sinne Zahlungen zur gesetzlichen Unfallversicherung leisten müsse. Die Vereinsvorstände scheinen sich seither in einer Metamorphose vom einfachen Vereinsvorstand zum Management mit Aufsichtsrat zu befinden.

Der sportliche Rückblick auf das Vereinsgeschehen der letzten zehn Jahre wird durch zwei polare Entwicklungen geprägt, einerseits dem kometenhaften Aufstieg der Leichtathletikabteilung, andererseits dem Niedergang des Kunstturnens. Den schmerzlichen Vertut Werner Borcherts als einzigen Trainer für Kunstturnen konnte diese Abteilung nie kompensieren, so wenig wie die vielköpfige Kinderschar den Weggang des Familienvaters. So fühlte sich dann Veronika Reinbott geb. Schnepper als älteste Tochter der Kunstturnfamilie verpflichtet, ihre jüngeren „Geschwister“ nicht im Stich zu lassen. Sie führte die Abteilung weiter, bis die Doppelbelastung Verein und Privatleben nicht mehr zumutbar war. Sabine „Pinky“ Heider und Jutta Schneider übernahmen das Erbe jetzt schon fast aus zweiter Hand, waren jedoch aus beruflichen Gründen ebenso wie die letzte Übungsleiterin Heike Wurth nicht mehr in der Lage, in die großen Fußstapfen ihres turnerischen Vaters zu treten. Anfang 1986 sah sich der Vorstand außerstande, für diese Abteilung einen geeigneten Trainer zu finden, so dass im Jubiläumsjahr Kunstturnen im Turnverein zur Historie geworden ist.

Unbeeindruckt von allen Stürmen der Zeit bildet die Altersturnabteilung das Refugium und den Mittelpunkt des Turnvereins. Seit dem Bau der Turnhalle von St. Antonius treffen sich schon seit über 25 Jahren der alte und neue Stamm zum gemeinsamen Turnen und Spielen. Auf diese Abteilung mag der Begriff der Turnfamilie noch zutreffen, da viele gemeinsame Unternehmungen auch im außersportlichen Bereich ihren Anfang nahmen. Nach dem Weggang von Rainer Cimiotti hatte man mit dem Gewinn von Walter Apel […] als Übungsleiter eine glückliche Hand. Durch seine gelungenen Übungsabende animierte er zahlreiche Turnwillige zum Mitmachen.

Unsere Altersturner in Aktion

Zu den bis dahin im Turnverein üblichen Abteilungen wie Kinderturnen, Gymnastik und Turnen für Damen, Prellball, Judo, Kunstturnen, Leichtathletik, Tischtennis und Schwimmen gesellte sich 1978 mit Basketball eine neue Sportart, die im Oberbergischen Kreis eine Marktlücke schloss. Ab Sommer 1978 trat man mit einer Herrenmannschaft zu Meisterschaftsspielen in der Kreisliga des Kreises Rhein-Berg an. Ab 1985 gibt es eine Damenmannschaft, die ebenfalls um Meisterehren spielt.

Auf eine erfolgreiche Jugendarbeit kann vor allem die Tischtennisabteilung zurückblicken. Hier ein Auszug aus der Chronik dieser Abteilung von Willibald Kiein: „Die Spieler Andy Blechmann, Dieter Bach, Peter Kahm, Manfred Moritz und Kai-Uwe Schneider wurden Schülerkreismeister der Saison 1975/76 und stiegen in die Schülerbezirksklasse auf. Hier blieb das neu gebildete Team mit Andy Blechmann, Dieter Bach, Peter Kahm und Udo Weber ungeschlagen und wurde in der Saison 1976/ 77 Bezirksmeister. Auch in der Meisterschaftsrunde 1977178 spielte diese Mannschaft – inzwischen Jugend – erfolgreich in der Bezirksklasse und stieg als Tabellenzweiter in die neu gebildete Bezirksliga – die höchste Spielklasse für Jugendmannschaften – auf. Auch im Jahr 1978/ 79 spielte die l. Jugend in der Bezirksliga, eine 2. Jugendmannschaft belegte einen guten Mittelplatz in der Kreisklasse, die Schülermannschaft mit Jürgen Bach, Udo Hungenberg, Thomas Hoffstadt, Udo Kraus, Uwe Cords und Wolfgang Merten wurden überlegen Kreismeister. Da für die Serie 1979/ 80 zwei Jugendspieler in der l. Herrenmannschaft eingesetzt werden mussten, wurde die 1. Jugend leider aus der obersten Spielklasse in die Bezirksklasse zurückgezogen. Die Mannschaft belegte hier einen ausgezeichneten 2. Platz. Die Spieler konnten aus Altersgründen nicht weiter in der Jugendklasse spielen, entsprechender Jugendnachwuchs war nicht vorhanden, und so musste man auch diese Klasse kampflos aufgeben.

Mit zwei Schülermannschaften begann 1980/ 81 der Neuaufbau. Im Jahre 1981/82 gelang dem Wipperfürther Nachwuchs ein toller Doppelerfolg.  Ohne Niederlage wurde das Vierer-Team mit Jörg Dietz, Michael Klein, Thorsten Korte und Stefan Lennertz Schülerkreismeister. Ebenfalls ungeschlagen errangen die Spieler Cetin Atug, Jürgen Bach, Peter Dohr, Markus Hörper und Wolfgang Merten die Jugendkreismeisterschaft und stiegen in die Bezirksklasse auf. Hier wurde die Mannschaft 1982/ 83 Zweiter und sicherte sich damit den Aufstieg in die Bezirksliga und erreichte damit wieder die Spielklasse, die man aus personellen Gründen vier Jahre vorher leider hatte verlassen müssen. Auch heute spielt die l. Jugendmannschaft in der Besetzung Thorsten Korte, Michael Klein, Stefan Lennertz, Jens Murke, Tung Nguyen und Vien Pham noch in dieser obersten Spielklasse.

Im Spätsommer und Herbst 1972 waren die Weichen für die erfolgreichste Wettkampfabteilung, die Leichtathletik, gestellt worden. Mit den Leichtathleten des ATV Hückeswagen hatte man eine Startgemeinschaft vereinbart, um sich in Staffeln und Mannschaften erheblich verstärken zu können. Für ein Jahr gingen die Leichtathleten des TV Wipperfürth unter der Bezeichnung Leichtathletikgemeinschaft Berg-Wupper an den Start. Der größte Erfolg dieser Startgemeinschaft war dann noch im selben Jahr der 2. Platz von Bernd Schuldner bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im Dreisprung. Der Name LG Berg-Wupper führte allerdings leicht zu Verwechslungen mit Startgemeinschaften aus den Nachbarkreisen wie Rhein-Wupper oder Rhein-Berg, so dass man sich 1974 entschloss, die LG auf LG Wipperfürth-Hückeswagen umzutaufen. Neben den zahlreichen Platzierungen der Leichtathleten in den siebziger Jahren bei regionalen und überregionalen Wettkämpfen war dennoch das Deutsche Turnfest 1978 in Hannover ein besonderer Höhepunkt für einige Leichtathleten, die den Turnverein hier nach alter Sitte mit Fahne vertraten. Diese Veranstaltung erfreute sich bei den Jugendlichen größter Beliebtheit, so dass man zum Turnfest 1983 in Frankfurt mit über 20 Personen anreiste. Schon jetzt zeichnet sich eine noch größere Beteiligung für Berlin 1987 ab. Dass neben dem Hochleistungssport der Breitensport nicht zu kurz kam, ist auch aus der Gründung eines Lauf-Treffs ersichtlich, der 1978 mit dem Trimm-Trab ins Grüne unter Leitung von Helmut Wigger seinen Anfang nahm. Für den sportlichen Glanzpunkt der Saison 1979 sorgte der Nestor der Wipperfürther Leichtathletik, Hajo Kuschke, der in Dortmund mit 1,80 m im Hochsprung eine Weltbestleistung für 44jährige aufstellte und im gleichen Jahr bei den Deutschen Seniorenbestenkämpfen in Lübeck im Hoch- sowie im Weitsprung (6,54 m!) Meister wurde. Als erfolgreichster Athlet Anfang der achtziger Jahre muß Florian Templin bezeichnet werden. Mit 19 Jahren warf er den Speer auf 70,30 m, war Westdeutscher Meister und 4. der Deutschen Juniorenmeisterschaften.

Doch dann begann die große Ära der Sprinter. Der 5. Platz 1983 bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Dortmund, die hervorragende Bestleistung der Jugendstaffel, aufgestellt beim Internationalen Sportfest des ASV Köln in 42,28 Sekunden, ließen für die Zukunft hoffen. Vom Leichtathletikverband Nordrhein wurden die guten Sprintleistungen damit anerkannt, daß Wipperfürth zur Außenstelle des Landesleistungsstützpunktes Remscheid ernannt und Trainer Bernhard Wald zum Verbandsdisziplintrainer Sprint berufen wurde. Auf Einladung der Universität Konstanz wurden 1984 durch ein Trainingslager, das von diesem Zeitpunkt an regelmäßig in Konstanz durchgeführt wird, die Anstrengungen intensiviert. Lohn der Bemühung war das von der Presse und Fachwelt als sensationell eingestufte Vordringen der 4 x 100-m-Staffel mit Oliver Kreth, Andreas Maul, Axel Cleve und Benno Eicker in den Endlauf der Männer bei den Deutschen Meisterschaften in Düsseldorf. Die Gründung einer Leichtathletik-Filiale an der Deutschen Sporthochschule in Köln durch den dort tätigen Leichtathletikdozenten Norbert Stein, der in den siebziger Jahren neben Dieter Arnold der schnellste Sprinter des Turnvereins war, brachte auch in der Frauenklasse den Durchbruch. So wurde das Jahr 1985 das sportlich erfolgreichste für den Turnverein Wipperfürth. Stellvertretend für die vielen hervorragenden Leistungen und Platzierungen bei Deutschen Meisterschaften im vergangenen Jahr sollen der 5. Platz der 4 x 400-m-Staffelder Frauen in der Besetzung Frauke Berger, Gaby Schley, Christiane Brixy und Barbara Gähling in Stuttgart sowie der 2. Platz der 4 x 100-m-Staffel der Junioren mit Oliver Kreth, Andreas Maul, Udo Dames und Axel Cleve in Augsburg genannt werden. Mit Hans-Günther Schmidt besitzt der Verein ein Riesen-Nachwuchstalent im Zehnkampf. So war er 1985 der beste Fünf- und Achtkämpfer der Bundesrepublik.

Zur besseren Publikation der Erfolge und Hintergründe rund um die Leichtathletik, aber auch zur Berichterstattung über die anderen Abteilungen des Turnvereins wurde Anfang 1985 eine Vereinszeitung, der TV Wipperfürth SPORTREPORT, herausgegeben, die vierteljährlich erscheint. […]